Egbert Mittelstädt - Abschweifungen

Artikel von Amandus Sattler , erschienen in der renommierten Architektur-Zeitschrift AIT, Ausgabe 11/2008

EGBERT MITTELSTÄDT - ABSCHWEIFUNGEN

Als unser Büro 1994 für eine Ausstellung in der Architekturgalerie in München nach einer Präsentationsform für das sich damals im Bau befindende Gymnasium Flöha suchte, stießen wir auf die „Roundshots” des Kölner Medienkünstlers Egbert Mittelstadt (geboren 1963 in Frankfurt am Main), der mit Hilfe einer Slit-Scan-Kamera die Dimension der Fotografie mit einem 360-Grad-Rundumblick scheinbar ins Unendliche führte. Was Mittelstädt damals in Rotunden mit fotografischen Panoramen beim Betrachter auslöste, scheint er heute ebenso mit zweidimensionalen Bildern zu erreichen. Der Künstler versetzt den Betrachter für einen Moment lang in einen virtuellen Raum, in dem Zeit und Raum miteinander verschmelzen. So sagt Mittelstädt auch selbst, dass seine Arbeiten metaphysischer sind als früher. Bei der Serie „clouds and fjords” hebt er für seine Fotos sogar von der Erde ab und verlässt unsere alltägliche Realität, um ganze Landstriche und Küstenstreifen „abzuscannen”.

So ist auch der Titel „Abschweifungen” der von Volker Hilgert kuratierten Ausstellung wörtlich zu nehmen - er bezieht sich auf die Entstehung der neuen Fotografien. Mittelstädt bewegt sich mit den Wolken und damit tut dies auch seine Slit-Scan-Kamera. Der Film wird dabei an einem schmalen Streifen oder Schlitz vorbeigezogen, und durch diesen belichtet.
Mittelstädt geht es jedoch nicht um die Aufnahmetechnik selbst, sondern immer in erster Linie um die entstehenden Bilder. Und am Ende steht jeweils eine Gesamtkomposition, die der Künstler schon von Beginn an vor Augen hatte. Der Zufall spielt in seinem Werk nur eine untergeordnete Rolle. Mittelstadt kann durch seine bereits zehnjährige Erfahrung mit der Kamera Situationen sofort auf ihre Wirkung hin überprüfen, wobei die Basis seiner Motive und Kompositionen immer aus Bewegung und Farbe entstehen. Am Ende entsteht immer ein Raum im Zusammenhang mit dem Moment der Aufnahme. „Es sind Fischzüge” sagt Egbert Mittelstädt, „ich lege mein Netz aus und bin froh, wenn es dann passiert.”

english version:

In 1994, when our practice was looking for a way of presenting Gymnasium Flöha, which was then under construction, in an exhibition in the Munich Architekturgalerie, we came across the “Roundshots” by media artist Egbert Mittelstädt (born in Frankfurt on the Main in 1963) from Cologne, who by means of a slit scan camera seems to display the dimension of photography ad infinitum with a 360-degree panorama. What Mittelstädt released in the viewer in rotundas with photographic panoramas at that time, he now seems to achieve with two-dimensional images. The artist places the beholder into a virtual room for a short moment, where space and time seem to merge. The title “Abschweifungen” (digressions) of the exhibition curated by Volker Hilgert can therefore be taken literally: it refers to the origin of the new photographs. Mittelstädt moves with the clouds and with him moves his slit scan camera. The film is moved across a narrow slit, through which it is exposed.

For Mittelstädt it is not solely about the exposure technique itself, but always primarily about the images created. Coincidence only plays a minor part in his work. With his ten-year camera experience Mittelstadt is able to immediately assess the effects of situations, whereby the basis of his subjects and compositions always arise from movement and colour. In the end, the result is always a space in connection with the moment of exposure. “They are catches,” says Egbert Mittelstädt, “I cast my net and I am happy, if it happens”.

Bis 20.12.08

Egbert Mittelstädt - Abschweifungen
Neue Slitscans und Videoarbeiten, KOELN-ART & Kreon und Vektron Showroom, Brühler Straße 11-13, 50668 Köln
Montag - Freitag 10 - 17 Uhr, Samstag 14 - 18 Uhr
www.koeln-art.de/showroom, www.atelier-fuer-medienprojekte.de

Amandus Sattler ist Architekt in München und berichtet in jeder Ausgabe der AIT über aktuelle Ausstellungen in der ganzen Welt.
Amandus Sattler is an architect in Munich and in cvery issue of AIT reports on current exhibitions all over the world.